Auf dem Weg
Und wieder dieser Hauch des Abschieds.
Der Himmel in tiefblauem Moll,
müdes Gefährt begibt sich auf den Weg.
Und du, mein Abend, singst den Winter mir
durch das Weichbild abgeschälter Bäume.
Geruch von Auflösung und Erde
verborgen unter dünner Schicht schuldlosen Schnees.
Stimmen von Spiel
in einem andern Hof
künden von harter, weicher Kindheit.
Du, meine Nacht, weinst Frost,
da du mir näherkommst.
Die Luft, so klar, aus Glas und Tiefsee,
sie zeichnet scharf der Augen Grenze.
Ihnen verborgen schwebt durchs Zimmer
summenden Tiefschlafs Korn.
Nachtradio und Schlaftabletten,
im Badezimmer Schimmelkrusten:
Die Dunkelheit ist auf dem Weg
zum Sieg, endgültig nun, zum Sieg.

Aus dem Dänischen übersetzt von Philipp Theison.
Matthes & Seitz Verlag, 180 Seiten, 22,-€
Michael Strunge – Lyriker, Ästhet und durch seinen frühen Tod bald schon mythenumrankte, in den Kanon der dänischen Bildungskultur aufgestiegene Legende. Strunges Gedichte – geschrieben in »des Lebens Hast« und Raserei, zwischen Alltagstristesse, Ichverlust, Kaltem Krieg und medialer Bilderflut, beeinflusst von Rimbaud, David Bowie und den Sex Pistols. Sie legen den Blick frei auf eine Welt im Umbruch, in der das »No Future« des Punk dem Bewusstsein weicht, dass bereits die Gegenwart alles denkbar Vergangene und Künftige in sich vereint.
Eine unvergängliche Welt, in der sich das Subjekt, schwankend zwischen Kühlheit des Ausdrucks und Verletzlichkeit, als Echoraum von Stilen und Stimmen erweist, die sich, wie Philipp Theisohn in seinem brillanten, mit den Gedichten korrespondierenden Essay schreibt, rekombinieren, zerteilen, vervielfältigen und hybridisieren lassen – »und alles, alles kann geschehn«.
Michael Strunge, 1958 in Rødovre, Dänemark, geboren, 1986 während einer manischen Episode ums Leben gekommen, gilt mit seinem elf Gedichtbände umfassenden, von Punk und New Wave beeinflussten Werk als einer der bedeutendsten postmodernen Lyriker Dänemarks.
Philipp Theisohn, 1974 geboren, ist Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen neben anderen die Futurologie und die außerirdische Literatur.
Gedicht: Seite 63
Empfohlen von Klaus Bittner
© Cover: Matthes & Seitz Verlag